Landesregierung ohne Fachkräftekonzept für Kindertagesstätten

Dr. Eva-Maria Stange, stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag spricht zum Antrag der SPD-Fraktion „Sicherung des Fachpersonals für Kindertagesstätten“ (Drucksache 5/2145) am 9. Februar 2011 im Sächsischen Landtag.

Es gilt das gesprochene Wort:

"Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Kollege Schreiber, ich hoffe, dass Sie heute im Verlauf der Debatte einen Erkenntnisgewinn haben, nachdem Sie heute Morgen ja Ihrer Facebook-Gemeinde mitgeteilt haben, dass Sie nicht wissen, warum die SPD-Fraktion das Fachkräftethema für die Kitas auf die Tagesordnung gesetzt hat.  Das ist auch insofern sehr verwunderlich, da Sie als Mitglied der CDU/FDP-Koalition hier gerade vor wenigen Minuten den drohenden Fachkräftemangel in Sachsen selbst thematisiert haben.

Leider sieht die Landesregierung bis heute keine Notwendigkeit, ein eigenes Konzept zur Fachkräfteentwicklung an Kindertagesstätten vorzulegen.

Anhand einiger Fakten, möchte ich deutlich machen, wie dringend notwendig es ist, dass das Kultusministerium (SMKS) endlich erwacht und handelt.

  1. Ausbildungskapazität reicht nicht: Von den derzeit 25.000 Beschäftigten an den Kitas werden mehr als 4.000 bis 2015 in den Ruhestand gehen. Da bereits 8.000 älter als 50 Jahre sind, wird die Zahl eher höher als niedriger ausfallen. Dieser Generationenwechsel fällt zusammen – wie in allen anderen Branchen – mit der Halbierung der potenziellen Nachwuchskräfte. Selbst bei der konservativen Berechnung des SMKS – ohne weiteren Ausbau der Krippen, ohne Verbesserung der Betreuungsqualität, ohne Verstärkung der Integrationsmaßnahmen und ohne Ausbau der Horte im Rahmen der Ganztagsschule – werden mindestens 4.300 neue Fachkräfte bis 2015 an den Kitas benötig. Nimmt man die Zahlen des SSG, der von einem Ausbau der Krippenplätze aufgrund des Rechtsanspruchs ab 2013 und einer 9-Stunden-Betreuung um 14.000 ausgeht, dann sprechen wir schon von ca. 8.000 neuen Erzieher/innen (immer noch ohne Verbesserung bei der Qualität oder Integration!). Wenn sich das hohe Ausbildungsniveau des Jahres 2011 durchhalten lässt, dann könnten ca. 8.000 Absolventen die Fachschulen verlassen. Allerdings gibt es keine Erkenntnisse im SMKS darüber, wie viele Absolventen tatsächlich in Sachsen beginnen – andere Bundesländer werben mit wesentlich besseren Bedingungen – und wie hoch die Fluktuation aus dem gesundheitlich sehr anstrengenden Beruf ist. Wir können also keines Wegs von einer beruhigenden Situation sprechen.
  2. Landesregierung verlagert Ausbildung auf kostenpflichtige private Bildungsanbieter: Mehr als 75 Prozent (!) der Auszubildenden lernen derzeit in privaten Bildungseinrichtungen. Während die öffentlichen Träger ihre Ausbildungskapazität seit 2008/09 lediglich um 23 Prozent erhöhten, bauten die privaten Träger um 100 Prozent (!) aus. Die Landesregierung verabschiedet sich in einem für die Zukunft unseres Landes wichtigsten Ausbildungsbereich von seiner staatlichen Ausbildungsverpflichtung! Die Kosten werden auf die Auszubildenden verlagert, die mindestens 3.000 Euro (Beispiel Caritas-Schulzentrum Bautzen) für ihre Ausbildung selbst zu tragen haben und durch den von CDU und FDP beschlossenen Wegfall des Schulgeldersatzes einer sozialen Auslese unterliegen werden. Damit werden vor allem junge Frauen in Sachsen benachteiligt und junge Männer bleiben auch weiterhin dem Beruf fern. Sie werden die freien Plätze in der dualen beruflichen Bildung wählen, da dort  eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird.
  3. Qualität der Ausbildung ist gefährdet:  Der hohen Bedeutung der frühkindlichen Bildung für das positive Aufwachsen von Kindern wurde mit der Einrichtung von Studiengängen an Fachhochschulen und an der TUD während der großen Koalition  2008/09 auch in Sachsen Rechnung getragen. Doch nicht nur, dass dieser eingeleitete Prozess auf niedrigem Niveau stagniert, da kein weiterer Ausbau vorgesehen ist und durch Kürzungen z.B. bei der EHS ganz in Frage gestellt wird. Mehr Sorge bereitet mir die Situation an den privaten Bildungseinrichtungen. Zwar müssen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens der Schulen Qualitätskriterien z.B. beim Lehrpersonal und Lehrplänen vorgelegt werden, aber wer kontrolliert die Praxis und die Umsetzung der Qualität der Ausbildung bei dieser hohen Anzahl von Ausbildungseinrichtungen? Geht hier Quantität vor Qualität?  Der Kultusminister ist darauf eine eindeutige Antwort schuldig geblieben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, der Bedeutung der Kindertagesstätten und der zwingenden Notwendigkeit, dort die besten Pädagogen – Männer wie Frauen – einzusetzen, wird sicher die Mehrheit im Landtag zustimmen. Wenn dem so ist, dann lassen Sie uns gemeinsam die Landesregierung beauftragen, ein staatlich verantwortetes qualitativ und quantitativ  ausgewogenen Ausbildung- und Personalkonzept vorzulegen, sie wie es für den Bereich der Lehrkräfte auch von den Koalitionsfraktionen eingefordert wurde."

In Bild und Ton können Sie Frau Dr. Stanges Rede und Abschluss-Statement verfolgen unter:

http://www.landtag.sachsen.de/de/aktuelles/videoarchiv/redebeitrag.do/30...

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