Dr. Eva-Maria Stange eröffnet Themenveranstaltung im Dresdner Schauspielhaus
Es gilt das gesprochene Wort!
Vorrede zur Dresdner Rede von Prof. Dr. Dr. Bernhard Müller „Ein Recht auf gleiche Lebensbedingungen wird es künftig nicht mehr geben“, Schauspielhaus Dresden, 07.03.2010
Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Prof. Müller,
es ist mir eine Freude, Ihnen Herrn Prof. Bernhard Müller vorstellen zu dürfen. Ich gestehe, dass ich ein wenig bedaure, nicht mit ihm über eines der spannendsten Themen unserer Zeit produktiv streiten zu dürfen. Aber vermutlich würden meine Argumente den fundierten wissenschaftlichen nicht standhalten können und so hat der notwendige Verzicht auch etwas Gutes.
„Theoria cum praxi“ so lautet das Credo der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (WGL), die heute bereits 86 Forschungsinstitute vereint. Leibniz, einer der letzten Universalgelehrten der deutschen Nation, Staatsmann, Historiker, Philosoph und Poet würde sich heute wundern, dass es eines ganzen Forschungsverbundes und tausender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bedarf, um die Phänomene der Gesellschaft und der Natur zu erkunden. Genau wie bei Leibniz im 17. Jahrhundert geht es den „Leibnizianern“, wie sie von ihrem Präsidenten Prof. Rietschel gern genannt werden, nicht um reine Grundlagenforschung wie beispielsweise in der Max-Planck-Gesellschaft und auch nicht wie in den Instituten der Frauenhofer-Gesellschaft um vorrangige anwendungsorientierte Forschung. Der Bogen wird von der erkundenden Wissenschaft zur Politik- und Praxisberatung und zum Vorstadium eines Produkts gespannt. In Sachsen können wir uns glücklich schätzen, sieben solcher leistungsfähigen Institute in Dresden und Leipzig in einem engen Verbund mit den Universitäten fördern und fordern zu dürfen. Der Bundespräsident hat in seinem Grußwort anlässlich der letzten Jahresversammlung der WGL vollkommen zu recht darauf verwiesen, dass die Gesellschaft die „großen Herausforderungen der Gegenwart – vom Klimawandel über die Energiekrise bis zum Demografischen Wandel – (werden wir) nur mit Hilfe der Wissenschaft meistern (können)“ kann.
Es ist hier nicht der Ort und die Zeit die Vielfalt der Forschungsgebiete der Leibniz-Institute allein in Sachsen aufzeigen zu können. Lassen Sie mich nur zwei herausheben. Das Forschungszentrum Dresden Rossendorf, das gerade jüngst mit seinen Möglichkeiten der Materialforschung bestätigt hat, dass Meißen der Geburtsort des europäischen Hartporzellans ist. Zum Glück - die 300-Jahr-Feier ist gerettet! Aber auch in der Krebs- und nuklearen Sicherheitsforschung hat sich das deutschlandweit größte Leibniz-Institut FZD einen internationalen Ruf erarbeitet. Nun steht es 18 Jahre nach seiner Gründung auf dem Sprungbrett in die Helmholtz Großforschungsgemeinschaft. Ein hervorragendes Beispiel für die rasante wissenschaftliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Forschungsinstitute. Sie sind wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraftquelle unserer Gesellschaft. Sie benötigen dazu „Köpfe, Freiheit und Geld“ wie der Bundespräsident so treffend formulierte.
„Theoria cum praxi“ - der Wissenschaft zum Wohle und Nutzen der Menschen verpflichtet - diesem Anspruch hat sich auch Prof. Bernhard Müller als einer der führenden wissenschaftlichen Köpfe verschrieben und das gleich im doppelten Sinne – als wissenschaftlicher Vicepräsident der Leibniz-Gemeinschaft und seit 1997 auch als Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden.
Wer könnte besser als er eines der spannendsten Themen unserer Zeit – den demografischen Wandel und seine Auswirkungen auf unser Leben – darstellen? Als Mitglied zahlreicher Experten- und Gutachtergremien ist der aus Saarbrücken stammende Raumplaner und Geograph immer wieder gefragt. So u.a. in der Expertenkommission „Demografischer Wandel“ der Sächsischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Milbradt und als Mitglied der Akademiegruppe „Altern in Deutschland“. Wie nahe seine Empfehlungen an der gestaltenden Praxis sind, zeigen die Gutachten seines Instituts für einzelne Regionen insbesondere in Ostdeutschland und in Europa.
Ein besonderes Merkmal der Leibniz-Institute ist die enge Verknüpfung mit den Universitäten. Gemeinsame Berufungen der Professoren von Universität und Institut sind die wichtigste Brücke zwischen der Forschung und der Lehre. So ist der heutige Referent auch Inhaber des Lehrstuhls Raumentwicklung an der TU Dresden. Als solcher gründete er nach dem verheerenden Hochwasser 2003 zum Zwecke eines integrierten Hochwasserrisikomanagements das Dresden Flood Research Center. Dabei kommen Prof. Müller die Vielzahl seiner seit 1979 erforschten Arbeitsfelder zu gute. Erkenntnisse aus der ökologischen und internationalen Raumentwicklung, aus der Raumordnung und Raumplanung, aber auch der Umweltplanung und Stadt-Land-Verflechtungen sowie interkommunaler Kooperationen gingen bisher in mehr als 170 wissenschaftliche Publikationen ein.
Wissenschaft und Wissenschaftler benötigen internationale Weitsicht, auch um regionale oder lokale Entwicklungen einordnen und bewerten zu können. Nicht nur Deutschland und Europa sind von Alterung, schrumpfenden und explosionsartig wachsenden Regionen betroffen. Als Teamleiter bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH (GTZ) wirkte Prof. Bernhard Müller 1988-92 in verschiedenen internationalen Projekten mit u.a. am Projekt „Planungshilfe für die Stadtentwicklung in Jemen“. Jemen, ein Staat mit rasant wachsender Bevölkerung, in der mehr als 50% jünger als 15 Jahre sind. Größer könnte der Gegensatz zur deutschen Situation kaum sein.
Mit diesem internationalen Weitblick haben sich die vier in Deutschland tätigen Raumforschungsinstitute der Leibniz-Gemeinschaft 2009 der Zukunft der Städte und Dörfer in Zeiten des demografischen Wandels in einer vom Institut für ökologische Raumentwicklung federführend ausgerichteten Tagung unter dem Motto „Leeres Land und bunte Stadt?“ zugewandt. Auf der einen Seite wirtschaftlich vitale, urbane Zentren wie Dresden – ein Anziehungsort nicht nur für Touristen, sondern auch ein Magnet für bildungs- und arbeitsuchende Menschen. Auf der anderen Seite periphere ländliche Regionen, geprägt von Abwanderung und Alterung. Doch ist dieser demografische Wandel (selbst ein zu hinterfragender Begriff) so einfach zu beschreiben? Wie sieht Alterung einer Gesellschaft, des Einzelnen heute aus? Hat sich die Menschheit nicht immer gewünscht, länger und gesünder zu leben? Wie muss die Infrastruktur von den Verkehrsmitteln bis zum Gesundheitswesen geschaffen sein, damit es für alle – auch die Jüngeren - ein Gewinn ist?
Muss ein Dorf geschlossen werden, wenn die Jungen und vor allem die Frauen der Arbeit hinterher wandern? Lohnt es sich noch eine Kita oder Schule zu bauen, wenn kaum mehr Familien da sind? Wer kennt nicht die Situation in den 90er Jahren: Erst hat das Unternehmen des Ortes geschlossen, in dem die Mehrheit der Menschen Lohn und Brot fand, dann wurden der Konsum und die Post dicht gemacht und kurz darauf folgte die Schule. Kino, Bibliothek und Tanzsaal sind im besten Fall noch in einem kleinen Bürgerhaus übrig geblieben. Wollen wir als Gesellschaft, will die Politik solche Verödung? Gibt es machbare Alternativen, wenn wir doch wissen, dass die Bevölkerung in Sachsen in den kommenden Jahren weiter schrumpfen wird und 2020 jeder dritte Sachse 65 und älter ist?
Sie sehen, ich habe viele Fragen und hoffe mit Ihnen heute auf Antworten.
Herr Prof. Bernhard Müller hat seinen Vortrag unter eine äußerst provokante, ja eigentlich grundgesetzwidrige These gestellt: „Ein Recht auf gleiche Lebensbedingungen wird es künftig nicht mehr geben.“
Da regt sich Widerspruch im Herzen, wenn auch der Verstand geneigt ist zu folgen.
Nun kann man sich ja zu Recht fragen, hat es gleiche Lebensbedingungen jemals in Deutschland gegeben? Oder war es nicht schon immer – und nicht nur landschaftlich - ein Unterschied, ob man in München oder in Emden, in Dresden oder Annaberg-Buchholz wohnt?
Aber das Ziel der Schaffung „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ ist faktisch ein konstituierendes Moment unseres Grundgesetzes. Länderfinanzausgleich und Solidarpakt oder der erst jüngst in einem Staatsvertrag verabschiedete Hochschulpakt zur Schaffung neuer Studienplätze sind nur drei politische Beispiele zur Umsetzung dieses grundgesetzlichen Anspruchs. In Sachsen haben wir frühzeitig ein Beispiel geschaffen, dass auch den Menschen in ländlichen Räumen den Zugang zu vielfältigen Kulturangeboten ermöglichen soll - das in Deutschland einmalige Kulturraumgesetz.
An dieser Stelle möchte ich meine Vorrede beenden, um nicht selbst der Versuchung einer tieferen Auseinandersetzung mit dem spannenden und wissenschaftlich wie politisch wichtigem Thema zu unterliegen.
Das möchte ich gern Herrn Prof. Dr. Dr. Bernhard Müller überlassen und zum Abschluss nur einen Anriss aus dem Gedicht „Das Ideal“ von Kurt Tucholsky mit auf den Weg des Zuhörens und Nachdenkens geben:
Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit….
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.